Ausgelastetes „Stadion der Freundschaft“ in Grimma vor dem Teilabriss

In Grimma droht Fördermittel-Irrsinn
Dagegen wendet sich eine Petition, die am 27. September um 14 Uhr dem Präsidenten des Sächsischen Landtages übergeben wird.
Ziel ist es, das „Stadion der Freundschaft“ vollständig zu erhalten.

Dahinter steckt eine Geschichte, die sprachlos macht und in der Bevölkerung für Unmut und offene Fragen sorgt. In Grimma gibt es zwei intakte und ausgelastete Fußballstadien am Rande der Altstadt und in unmittelbarer Nähe der Mulde – das „Stadion der Freundschaft“ und das „Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion“. Der Stadtrat hat beschlossen, „zur Belebung der Innenstadt“ einen REWE-Markt mit Drogerie einzurichten, der auf dem Gelände des bisherigen Jahn-Stadions entstehen soll. Das Grundstück wurde für 1,6 Millionen Euro an REWE verkauft, eine Baugenehmigung liegt vor. Um den Verlust des Jahn-Stadions auszugleichen, soll es auf dem Gelände der ehemaligen Husaren-Kaserne neu errichtet werden – für 4,5 Millionen Euro.

Das kann die Stadt aber nur bezahlen, wenn sie die Einnahme aus dem Grundstücksverkauf an REWE erhält. Der Rest von 3,6 Millionen Euro soll aus Fördermitteln des Freistaats finanziert werden, die zweckgebunden für flutsichere Umbauten vergeben werden. Diese Mittel fließen jedoch nur, wenn sowohl das Jahn-Stadion komplett abgerissen als auch das „Stadion der Freundschaft“ zurückgebaut wird – zu einer Anlage für Leichtathletik und Schulsport. Dieser Teilabriss des Stadions der Freundschaft kommt einer Schleifung der Anlage gleich: Laut Fördermittelbescheid müssen die Tribünen, Trainerbänke, Kassenhäuser und das Clubhaus samt Umkleidekabinen abgebrochen werden.

 

Kerstin Köditz, Grimmaer Abgeordnete der Linksfraktion im Sächsischen Landtag, erklärt:

Es ist der Bevölkerung nicht zu vermitteln, dass Teile des Stadions der Freundschaft abgerissen werden sollen. Mit dem Teilabriss ginge ein Symbol der Grimmaer Sporttradition unwiederbringlich verloren. Außerdem würden wir ohne Not ein funktionstüchtiges Stadion opfern.

Hinzu kommen weitere Ungereimtheiten. Dabei spreche ich noch nicht einmal von Verkehrsproblemen oder der Konkurrenz für den Einzelhandel in der Altstadt, wenn der REWE-Markt errichtet wird. Gravierender ist der Umstand, dass der Hochwasserschutz in Grimma leiden wird. Bisher steht das Jahn-Stadion notfalls als Retentionsfläche zur Verfügung, ein geschlossenes Gebäude lässt das Wasser im Zweifel in der Altstadt höher steigen. Die Flutschutzmauer, die für 50 Millionen Euro zwischen der Altstadt und der Mulde errichtet wird, ist übrigens zu niedrig, um die Fluten im Ausmaß wie der von 2002 verlässlich abzuhalten.

Hinzu kommt, dass die Verlagerung des Jahn-Stadions wohl auch hohe Betriebskosten verursachen wird. Auf dem neuen Standort in der ehemaligen Husaren-Kaserne befand sich lange Zeit eine chemische Wäscherei. Das Grundwasser dort ist mit Trichlorethan belastet und kann nicht für die Bewässerung des Rasens benutzt werden. Dadurch steigen die Betriebskosten auf etwa 100.000 Euro im Jahr, wozu der FC Grimma ein Zehntel beisteuert. Den Rest wird die Stadt tragen müssen, also die Bürgerinnen und Bürger.

Wir erleben hier eine Serie von Schildbürgerstreichen, mit der sich die Stadt Grimma mehr Probleme einhandelt als sie löst. Die Petition hat das Ziel, dass der Zuwendungsbescheid der Sächsischen Aufbaubank vom 29. Juni 2016 (Antragsnummer: 100235902) zurückgenommen oder geändert wird. Das „Stadion der Freundschaft“ in Grimma muss vollständig erhalten bleiben! Wir fordern, dass das Innenministerium und die CDU-SPD-Mehrheit im Petitionsausschuss alle Hebel in Bewegung setzen, um dieses Ziel zu erreichen.

 

Kerstin Lauterbach, die für die Linksfraktion im Petitionsausschuss sitzt, fügt hinzu:

Das Innenministerium wird nach der Übergabe am Mittwoch sechs Wochen Zeit haben, zum Anliegen der Petition Stellung zu nehmen. Ich hoffe, dass sich der vom Petitionsausschuss zu benennende Berichterstatter und die Mehrheit im Ausschuss entschließen, das Projekt in aller Tiefe zu prüfen. Sollte der Petition am Ende nicht abgeholfen werden können, so sollte sie mindestens der Regierung zur Berücksichtigung übergeben werden. An der Linksfraktion wird das nicht scheitern.

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